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Rekognoszierungsfahrt nach München

Einmal mehr durfte ich kürzlich auf eine Studienreise. Gut eigentlich war es eine Rekognoszierungsfahrt, da ich diese im Jänner wiederholen werde. Bei dieser Gelegenheit möchte ich die Möglichkeit wahrnehmen denjenigen zu widersprechen die mich der bösartigen Erkrankung des Städtetrippers bezichtigen. Weiter im Text….

Männchen und Frauchen sassen also im Zug (wie soll’s auch anders sein) von der bayrischen Hauptstadt über das Kaiserreich Österreich (so wurde es vom Zugführer ausgerufen) nach dem kleinen Helvetien. Wie im Hofbräuhaus gelernt, soll Durst schlimmer sein als Heimweh und dem wirkten wir mit dem Besuch des Speisewagens entgegen.

Eine ältere Dame stolperte etwas entnervt durch den Gang und entrüstete sich, dass sie wo weit zur 2. Wagenklasse laufen müsse. Alle mussten ob ihrer modischen Aalegi schmunzeln und ich erlaubte mir zu sagen, dass man in unserem Land solche Leute aufs Feld stellt um die Vögel zu verscheuchen. Schlagartig darauf fiel mir ein, dass sie jetzt wohl in unser Abteil sitzen würde, welches frei war. So war es dann auch. Sie war ein äusserst kommunikatives Wesen.

Sie trug unzählige billige Ketten um Hals und Handgelenke. Der Haarwuchs war mit Dickicht am besten zu beschreiben. Die Hände steckten in Netzhandschuhen, die Füsse in kniehohen Stiefeln aus glänzendem Lack. Dazu gab’s Strapsen, Minirock und meines Erachtens nur einen BH fürs nötigste oben herum. Dank der Jacke blieben mir weitere Details verborgen. Der Lippenstift deckte das Schnuderbächli zwischen Oberlippe und Nase auch gleich ab. Auf der Nase trug sie eine grosse Sonnenbrille. Dazu zuckte sie ständig mit der Hüfte. Aufgrund all dessen könnte sie in der Unterhaltungsbranche tätig sein. Jedoch schätzen wir im Verlaufe der tiefgründigen Konversation des anderen Alter. Sie war 60!!

Ein Themenpunkt war, dass der Mensch durch all die ungesunden Lebensmittel (Transfettsäuren?) vergiftet sei und man pro Tag 3 l trinken sollte. Ich fragte ob drei grosse Bier nicht auch reichen würden. Die Antwort blieb sie mir schuldig, plapperte aber was von einem guten Freund der is Student, der trinkt täglich Dosenbier und ist intelligent! Warum nur? Na ganz einfach! Ich holte zu einer Erklärung aus. In einer Tierherde werden die alten, lahmen und kranken Tiere zuerst von Raubtieren getötet. So gleich mit den Hirnzellen. Durch das Trinken sterben die lahmsten Gedankengänge ab. Darum ist der Typ so schlau. Das war ihr dann zu hoch. Ich überlegte mir kurz ihr eines meiner 4 Biere anzubieten, die ich als „Souvenir“ gekauft habe. Verwarf den Gedanken aber, da die kleine Menge bei ihr eh nichts bewirkt hätte. Für solche Notfälle sind intravenöse Leitungen nötig.

Gut gehen wir über zu Familie, Hund und Katze. Sie hätte 4 Kinder, alle mit fetten Autos. Doch keiner wollte die alte Schachtel in Memmingen abholen. Also musste sie die Eisenbahn nehmen. Wahrscheinlich wollte sich keiner der Söhne strafbar machen, wenn die alte Vogelscheuche auf dem Beifahrersitz andere Autofahrer erschreckt. Als ob sie meine Gedanken gelesen hätte, schoss sie nun zurück. Mein lichter Haarwuchs war ihr aufgefallen. Ihre Erklärung lag natürlich in falscher Ernährung. Ich solle meinen Körper mal entgiften. Sie würde täglich bestimmte Salze zu sich nehmen. Nun ja, mein schönes Gesicht braucht nun mal Platz und im Übrigen hätte meine Weisheit im Kopf keinen Platz mehr, darum würden Haare abgestossen um Platz zu schaffen. Wie man einen leistungsfähigeren Rechner bekommt hätte ich ja vorher erklärt.

Auf ihre zahlreichen Taschen angesprochen meinte sie, sie würde gerade umziehen (Hmm, anderes Etablissement, oder andere Brücke um darunter zu schlafen?). Ihre Kinder waren schon informiert und aus ihrer der Wohnung ausgezogen. Ich würde auch ohne Widerstand flüchten. Nun waren wir leider bereits in Lindau. Sie verabschiedete sich freundlich und entschwand stolpernd. Das wir den halben Wagen unterhielten fiel mir erst jetzt auf. Einige mussten laut lachen, andere erhoben sich um überhaupt zu sehen, wer sich hier so amüsant unterhalten hatte.

Für weitere spannende Berichte bin ich bemüht in baldiger Bälde wieder zu studienreisen.

Ozfhr Sir Rohner
Hüter einer gesegneten Füllfeder und Befürworter der Weisheit, dass Durst schlimmer ist als Heimweh.

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