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Von Kirchberg nach Platja d’ Aro – ein Roadtrip auf der linken Spur
Von kelseb

An einem glühenden Freitagabend im Juli starteten vier Genossen einen Roadtrip. Zu den Genossen zählten der polnische Schweizer Söhl, der führerscheinlose Sigi, der autobesitzende Stef und ich (weder polnischer Schweizer, führerscheinlose noch autobesitzend). Erklärtes Ziel: Platja d’Aro an der spanischen Costa Brava. Als einziges Verkehrsmittel ausser dem Velo (was aus Zeitgründen wegfiel) stand ein japanischer Kleinwagen zur Verfügung. Den richtigen Weg würde uns ein chinesisches Navigationsgerät (im Folgenden «Natascha» genannt) weisen. Das Lenkrad wollten wir abwechslungsweise bedienen. Ausser Kollege Sigi, der ja bekanntlich noch ohne Führerschein durch die Welt pendelt. Der japanische Kleinwagen (im Folgenden «Colt» genannt) wurde beladen mit Gepäck für eine Woche, was ihn ziemlich voll nudelte. Der Kleinräumigkeit halber musste auf einige Gegenstände verzichtet werden: Armeeschlafsack, da er zu gross ist; Mutterschiff, da es zu gross ist; jegliche polnische Gebrauchsutensilien, man weiss ja nie.


Unterwegs durchs Nichts

Um acht Uhr abends thurgauischer Apfelzeit drehte der Autobesitzer den Zündschlüssel und bewegte seinen Colt unter sympathischer Anleitung von Natascha Richtung Genf. Alle, ausser Sigi, pressten Colt durch die schweizerische Autobahnnacht. Bis Söhl darauf hinwies, wir sollten unbedingt noch einmal vor der Grenze tanken, da der französische Treibstoff gepanscht sei. Da er uns als Benzinexperte bekannt ist, folgten wir seinem Rat und steuerte einen grenznahe Tankstelle an. Navigations-Natascha hatte gar keine Freude, als wir die Route verliessen, wie immer, wenn wir die von ihr vorgeschlagene Strecke nicht penibel nachfuhren. Für ein chinesisches Navigationsgerät ist sie ziemlich bünzlig (engl. fuddy-duddy). Nachdem wir den Colt wieder voll getankt hatten, verliessen wir die Schweiz unbemerkt. Im ersten französischen Dorf war alles zu, ausser drei Neonröhren hatten geöffnet. Dies vermochte uns allerdings nicht zum Anhalten zu animieren. Den nächsten Halt machten wir auf einer Raststätte um drei Uhr nachts. Diese Raststätte war übervoll mit allen möglichen Leuten. Überall schliefen Menschen. Vor, hinter, in, unter Autos. Fast so, als warteten diese Menschen auf den Vorverkauf von Robbie Williams Tickets. Wir rauchten einen Faden, puderten unsere Nasen, tranken Tee und kamen den restlichen menschlichen Bedürfnissen nach, denen man normalerweise auf Raststätten nachkommt. Normalerweise. Danach kletterten wir wieder in den Colt und setzten unseren Roadtrip fort. Die Nacht verlief sehr ruhig, wie könnte es auch anders sein, Söhl fuhr chronisch auf der linken Spur der Autobahn. Einzige Unterbrechungen waren die Mautstellen, die uns einige Euro Feriengeld abknüpften. Nach zirka zwölf Stunden Fahrt erreichten wir Platja d’Aro am Mittelmeer.

Ankunft im Familienparadies

In Platja d’Aro angekommen, stiegen wir aus dem Colt aus und streckten uns. Vom kleinen Zehen bis zur Augenbraue. Danach bezogen wir unsern reservierten Bungalow. Er war geräumig wie ein Bungalow halt ist. Als wir das Gepäck im Bungalow verstaut hatten, blickten wir uns um. Uns fiel sofort eines auf: Familien soweit das Auge reichte. Wir waren also auf einem Familienzeltplatz gelandet. Herrje. Zum guten Glück hatten wir eine Reservationen, ansonsten hätten wir eine Bedingung nicht erfüllt, die alle anderen Gäste erfüllten: wir hatten keine Kinder. Wir waren noch Kinder, zumindest im Kopf. Nichtsdestotrotz wollten wir unseren Aufenthalt geniessen. Also kauften wir essentielle Lebensmittel wie Hopfentee ein und spielten hoch stehende Spiele wie Poker. Am ersten Abend machten wir uns auf ins Stadtzentrum, wo wir uns verpflegten und anschliessend das Nachtleben infiltrierten. Bei der Infiltration wurde uns indessen übel mitgespielt. Ein Lokal spielte Reggaeton Musik, was uns natürlich sofort anzog. Nachdem wir das Lokal betreten haben, wollten wir unsern Durst mit einem Bier stillen, wurden aber arg enttäuscht. Die Bardame servierte uns ein Heineken. Welch üble Masche: zuerst mit erspriesslicher Musik anlocken und dann mit einem Heinken vergiften! Da uns einige Brocken Spanisch geläufig sind, schafften wir es dann doch, nach dem Heineken noch ein Bier zu bestellen, sogar ein regionales. Nach diesem Zwischenfall war uns dann nicht mir zum Feiern zu mute und wir machten uns auf zu unserem Bungalow. Das brauchte allerdings einige Zeit. Wir hatten 3 Kilometer Strasse, ein Abschnitt Sandstrand und einen Mauer zu überwinden, bis wir endlich den Zeltplatz erreichten.

Tag um Tag, Schluck um Schluck

Die Tage verliefen alle ähnlich. Wir schliefen unsere Damenräusche aus, genehmigten uns ein selbst zubereitetes Frühstück, bewegten unsere Luxuskörper an den Strand und bräunten sie unter der iberischen Sonne, gingen zum Aperitif über und ab in die Nacht. Da wir uns, wie erwähnt, auf einem Familienzeltplatz befanden, verhielten wir uns nach Möglichkeit ruhig. In einer Nacht haben die Nachbarn Kenntnis von uns genommen. Söhl markierte das Revier um unsern Bungalow. Nicht wie ein Hund, sondern wie ein Italiener. Er legte auf jeder Seite des Bungalows eine Pizza hin. Keine appetitliche, darum machte er sich vor dem Tagesanbruch wieder weg. Merci. Am folgenden Tag machte er einen kleinern Bogen um alkoholische Getränke. Der eine oder andere von uns ebenso am einen oder anderen Tag. Wir sind uns aber alle einig, dass wir an diesen Tagen jeweils etwas Schlechtes gegessen hatten. Am Strand machten wir Bekanntschaft mit der spanischen Gemütlichkeit. Der Amigo an der Strandbar liess uns gut und gerne eine halbe Stunde auf unsere Getränke warten. Dies veranlasste Söhl häufig zur Aussage: «Die haben das Arbeiten auch nicht erfunden». Es störte uns freilich nicht sehr, da wir ja Ferien hatten und die Polen ja das Arbeiten sicher auch nicht erfunden haben, wohl eher das Klau…, aber lassen wir das. Einmal intervenierte eine holländische Kundin, woraufhin der Amigo sie zur Gemütlichkeit ermahnte. Er liess sich also wirklich nicht stressen. An einem der letzten Tage besuchten wir den Wochenmark in Palamos. Erstaunlicherweise tappte niemand von uns in eine Touristenfalle. Normalerweise tappt Stef gerne mal in eine solche, nicht diesmal.

1000 Kilometer auf der linken Spur - Natascha heb d’ Fressi!

Der Aufenthalt in Platja d’Aro verging wie im Flug und so räumten wir das Bungalow aus und den Colt ein. Wir hätten eh nicht mehr länger bleiben können, da uns das Gas ausgegangen war. Vor den über 1000 Kilometern Heimfahrt, spritze Stef das Auto noch bei einer Waschanlage ab. Nicht wie ein anderer Zeltplatzgreis, der sein Wagen mit Wodka reinigte. Den trinkt Stef lieber selber. Um elf Uhr verliessen wir Platja d’Aro in Richtung Heimat. Wiederum drückten wir abwechslungsweise auf das Gaspedal. Ausser Sigi, der seinen Führerschein auch in Spanien nicht erwerben konnte. Die Navigations-Natascha achtete immer noch penibel auf den richtigen Weg und darauf, dass wir die Höchstgeschwindigkeit nicht überschritten. Zum guten Glück hat sie einen Knopf «Halt die Frässi Täschi». Die Rückfahrt verlief ruhig und unaufgeregt. Ausser einmal erregte ein Auto mit französischem Kennzeichen unsere Gemüter, da er voll gestopft mit französischen Schönheiten war. Unseren Versuch, diese Tatsache fotografisch festzuhalten, goutierten sie mit einem kollektiven Lächeln. Leider misslang der Versuch. Einen zweiten hatten wir leider nicht, da unser Söhl die linke Spur gepachtet hatte. Wir brachten indes Verständnis auf, da er nach Hause wollte zu seiner Flamme (sagt man das heute noch so?). Durch den sportlichen Fahrstil, den wir alle an den Tag legten, erreichten wir knappe elf Stunden nach der Abfahrt in Spanien unser Heim. Und der Roadtrip nahm sein Ende, wie er auch angefangen hatte, mit dem Zündschlüssel. Hasta la proxima.

 

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