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Das ist doch der Gipfel – Säntis und noch viel mehr

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Der Alpstein als ideales Wandergebiet lockt Naturliebhaber von nah und fern. Fauna und Flora sind gleichermassen imponierend. Eine Reportage.

Von kelseb

Es ist 05.57 Uhr Ortszeit auf der Schwägalp. Die Nacht träumt noch. Der Tag ist noch nicht aufgestanden, wir sind zwar schon da, aber wach? Wach ist nur der kleine Hund «Rocky», der uns begleitet. Der grosse Parkplatzauf der Schwägalp ist noch auto- und menschenleer. Die ersten Schritte von uns sind noch recht wackelig, bis wir den Rhythmus gefunden haben. Auf dem Weg zur Tierwies überholt uns schon der erste Berggänger mit seinem grossen Hund, er scheint es eilig zu haben, oder will einfach der erste auf dem Säntis sein? Über seine Absicht lässt er uns im Unklaren, aber grüsst freundlich «Guten Morgen». Wir lassen uns nicht beirren und wandern weiter. Schon erblicken wir eine Herde von Ziegen,  diese allerdings auf dem Abstieg. Diese an Menschen gewöhnten Tiere folgen, so scheint es, dem Ruf des Hirten zur Melkung. Dabei haben Sie es allerdings nicht allzu pressant.  Unsere Schritte finden langsam ihren Regelmäßigkeit und das erste Etappenziel ist in Sicht: Berggasthaus Tierwies. Noch bevor wir es erreichen, verlässt uns aber schon der eine oder andere – Schweisstropfen. Obwohl noch morgenfrisch. Auf der Tierwies angekommen, 07.24 Uhr, bestellen wir Kaffee und Mineral. Jetzt schein auch der Tag erwacht zu sein, wir auf jeden Fall sind es.

Noch vor dem Zmorgen

Nach dem kleinen Zwischenstopp machen wir uns auf, den Säntis zu bezwingen. Unfairerweise werden wir nicht die ersten sein, denn es überholen uns dauernd Kabinen der Säntis Schwebebahn.Wir vermuten einen Angriff aufs Buffet. Da unsere Prioritäten anders aussehen, stört uns das nicht sehr. Lieber wandern wir weiter und schauen dem Wind zu, wie er die Wolken über den Grat peitscht. Wir bleiben von den Peitschenhieben verschont und erreichen schweissübertrieft den Säntis, auf 2501 Meter über Meer. Damit ist er der grösste Berg im Alpstein. Wir überlassen das Buffet den Buffetstürmern und begeben uns insBerggasthaus Säntis. Ankunft 08.50 Uhr. Alteingewanderten Alpsteingängern auch besser bekannt als «Alter Sentis». Es erwartet uns zwar kein Buffet, aber ein reichhaltiges Frühstück mit Fleischplatte, Kaffee und Röschti. Diese, so versichert uns der Wirt, komme «wädli». Er behält Recht und wir speisen delikat.

Nach dem feinen Frühstück sind unsere T-Shirts auch wieder von der Sonne getrocknet. Wir wandern weiter über den Lisengrat zum Rotsteinpass. Hund «Rocky» steht tapfer seinen Hund und meistert die prekären Stellen gekonnt. Die Nacht hat sich definitiv verabschiedet und dem Tag Platz gemacht. Dieser füllt die Wanderwege mit Menschen. Alle fröhlich ob dem herrlichen Bergtag. Die Strecke Säntis-Rotsteinpass ist schnell überwunden. Da ein manierlicher Wanderer in jedem Restaurant einkehrt, betreten auch wir das Berggasthaus Rotsteinpass. Der Wirt empfängt uns heiter mit seinem Appenzellerdialekt. Auf unsere Nachfragen referiert er über die Alpenfauna. Genauer über Murmeltier und Steinböcke. Ziemlich konkret wird er beim Thema Steinböcke: «Der einzige Feind der Steinböcke kommt aus der Luft». Der Alder, so erklärt er uns, schnappe sich die Steinböcke (immer nur einen), fliegt hoch in die Luft und lässt sie dreihundert Meter in den Fels knallen. «Das überlebt keiner», meint er weiter.

Eine tierische Begegnung

Diese tiertheoretischen Ausführungen haben unser Interesse geweckt. So verlassen wir das Gasthaus Richtung Altmann. Mit eigenen Augen wollen wir diese Tiere sehen. So klettern wir, von der Neugier getrieben, den Altmann hoch, als wären wir noch zwanzig. Das Glück ist uns hold und wir erblicken, kaum auf dem Altmann angekommen, die ersten Steinböcke. Vom Aufstieg und der Tatsache, dass wir nicht mehr zwanzig sind, etwas mitgenommen, setzen wir uns. Geniessen die herrliche Aussicht. Da Wanderer grundsätzlich gesprächige Zeitgenossen sind, ergibt sich auf dem Altmann das eine oder andere Gespräch. Ein junger Wandervogel mit seiner adretten Begleitung reicht uns sogar eine Umfrage über die Schweizer Wanderwege, nachdem er uns fachkundig über den Alpstein informierte. Im Nachhinein sollte sich herausstellen, dass die Umfrage Teil einer Diplomarbeit der adretten Begleitung ist.

Als wir uns mit jedem Wanderer, der innerhalb dieser zwanzig Minuten an uns vorbei gekommen ist, unterhalten haben, beschlossen wir fortzuschreiten. Nächstes Etappenziel: Zwinglipass. Wir nähern uns den Steinböcken, dieanmutig das Geröll bevölkern. Hund «Rocky» nehmen wir an die Leine, obwohl er kein Adler ist, und demzufolge kein Feind der Steinböcke. Er soll uns einfach diese graziösen Tiere nicht vertreiben. Siescheinen uns wie die Löwen der Berge – nur schreckhafter. Wir gehen nicht zu nahe ran,  aber zoomen um so mehr mit der Kamera. Kaum die Steinböcke abgeblitzt, zeigt sich uns schon die nächste Alpenkreatur: das Murmeltier. Wir sehen es nicht sofort, aber hören das Pfeifen ganz deutlich. Es ist nur ein einzelnes zu sehen, obwohl die Murmeltiere eigentlich in Kolonien leben. Eine Mitwanderin erzähl, dass die Murmeltiere spezielle «Wächter» aufstellen, die bei nahendem Feind Alarm pfeifen. Dies ist allerdings ein Ammenmärchen, denn Murmeltiere ruhen gerne auf erhöhter Stellung. Vielmehr warnt das Tier, das die Gefahr zuerst sieht. Dies ist aber insofern heikel, da je nach sozialem Rang das Pfeifen auch ignoriert wird. Weiter interessant an den Murmeltieren: die Weibchen werden auch «Katzen», die Männchen «Bären» genannt. Eine Analogie zu den Menschen ist nicht ausgeschlossen.

Die Zivilisation ruft. Leider!

Wir tauchen wieder auf aus der Murmeltierwelt und wandern auf die Zwinglipasshütte zu. Punkt 14.00 Uhr erreichen wir diese spezielle Hütte. Auf 1999 Meter über Meer. Die Speise- und Getränkeauswahl lässt sich an einer Hand abzählen. Es gibt Suppe, Wein und Tee. Dies ist nicht auf mangelnde Kreativität der Hüttenwirte zurückzuführen, sondern hat einen weitaus pragmatischeren Grund: Es muss alles, von der WC-Rolle bis zum Wein, zu Fuss hoch getragen werden. Auch sauberes Wasser hat es nicht unbeschränkt, wie uns die Hüttenwirtin erläutert. 100 Liter Trinkwasser pro Tag. Ursprünglich Regenwasser, durchläuft es drei Filterungen bis es als Tee angeboten werden darf. Es würde uns reizen in dieser einfachen Umgebung zu übernachten, aber wir wollen weiter nach Wildhaus. So verlassen wir die Idylle auf dem Zwinglipass und wandern hinunter nach Wildhaus. Ein sehr schöner Abstieg, der wohl als Aufstieg noch viel schöner wäre. Die letzten Höhenmeter, die letzten Schweisstropfen und die Zivilisation hat uns wieder. Zumindest unsere Körper, der Geist bleibt noch lange betäubt mit diesen bergig natürlichen Eindrücken.  Auf Wiedersehen im Alpstein.

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