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(K)eine Aufklärung in 20 Minuten

Die Gratiszeitungen vernachlässigen ihren Aufklärungsauftrag

Die Kant’schen Ideale werden durch Gratiszeitungen aufgeweicht. «20 Minuten» und Co. klären die Bürger nicht auf, sie unterhalten sie. Wie soll es weitergehen im Blätterwald der Gratisprodukte? Ein Essay.

Von kelseb

Willkommen im 21. Jahrhundert. Im Zeitalter von Internet, Blogs und Gratiszei­tungen. Beste Voraussetzungen also für eine aufgeklärte Öffentlichkeit. Und tat­sächlich: Nimmt man den morgendlichen Bahnhof in Augenschein, greifen alle Pendler zu einer Gratiszeitung, richtiggehend hungrig nach Informationen. Doch der Hunger ist schnell gestillt, nach 20 Minuten machen die meisten einen Punkt. Sie legen die Gratiszeitung beiseite und verschwinden informiert in den Alltag.

Der Schein trügt
Das riecht stark nach aufgeklärten Bürgern in einer aufgeklärten Welt. Doch der Schein trügt. Er trügt sogar sehr. Es handelt sich um eine Schein-Informiertheit, zu welcher nicht zuletzt der Journalismus beiträgt. Wieso gerade der Journalismus, der ja gewissermassen der Bote der Aufklärung ist? Der ursprüngliche Auftrag des Journalismus – vielleicht auch ein ideologischer – ist, die immer komplexer wer­dende Welt für die Bürger einzuordnen, zu analysieren und Relevantes von Irrele­vantem zu unterscheiden. Diesem Auftrag kommt der Journalismus, der zur grossen Masse durchdringt («20 Minuten», «heute», «.ch»), nicht nach. Die Folge­frage, die sich nun stellt, lautet: Will das der Journalismus überhaupt? Und noch viel wichtiger: Will es der Rezipient? Will er aufgeklärt werden? Zur Beantwortung dieser Fragen muss zuerst erörtert werden, was man unter dem Begriff Aufklä­rung versteht. Immanuel Kant umschrieb ihn als  «Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit». Dieser Satz stammt aus dem Jahre 1784. Daher könnte angenommen werden, dass die Aufklärung bereits beendet sei. Dem ist aber bei weitem nicht so. Es gibt sogar Anzeichen dafür, dass wir uns immer wei­ter von einer aufgeklärten Gesellschaft entfernen. Die von Information und Reizen überschwemmte, globalisierte Welt macht es den Menschen auch nicht einfach, mündig zu sein. Was wiederum heisst: Unmündig zu sein, ist einfacher. Und tatsächlich ist es so. Was gibt es einfacheres, als sich eine «20 Minuten» zu greifen, darin die kurzen Artikel zu lesen und zu glauben, man sei informiert? Viel schwieriger ist es, sich Zeit zu nehmen und sich mit einer Qualitätszeitung ausei­nanderzusetzen. Denn diese kostet auch noch etwas und bietet nicht so viel Un­terhaltung wie Gratiszeitungen, in denen man beispielsweise über die neusten Es­kapaden von Britney Spears informiert wird. Zusammengefasst: Eine Gratiszei­tung liest sich schnell, kostet nichts und ist unterhaltsam. Was will man mehr? Und auch hier bringen es die Worte Kants auf den Punkt: «Es ist so bequem, un­mündig zu sein.»

Ökonomie vor Aufklärung?
Die Gratiszeitungen machen es den Menschen einfach, unmündig zu sein. Das liegt auch an der Entstehungsweise ihrer selbst. Sie werden nämlich fast aus­schliesslich durch Inserate finanziert.  Der Auftraggeber möchte natürlich, dass diese Anzeigen gut platziert sind, um von möglichst vielen Lesern gesehen zu werden. Da bleibt gar kein Platz mehr für Hintergründiges oder Analysierendes. Der Journalismus wird heute also sehr vom ökonomischen Prinzip geleitet. Dies muss er auch, will er überleben. Ziel sollte es aber sein, den Spagat zwischen Aufklärungsanspruch und ökonomischem Zwang zu schaffen. Die Realität sieht jedoch anders aus. Das prominenteste Beispiel kommt aus dem Medienhaus Ringier, welches unter anderem die Boulevardzeitung «Blick» herausgibt. Der «Blick» leidet stark unter sinkenden Leserzahlen und der durchschnittliche «Blick»-Leser ist über fünfzig Jahre alt. Diese Tatsache wiederum schreckt Werbekunden ab, die auf die Jugend abzielen. Um die Klientel, die sich mit ihrer Werbung an die Jugend richtet, nicht zu verlieren, lancierte Ringier die Gratis-Abendzeitung «heute». Blättert man dieses Presserzeugnis durch, entdeckt man – oh, wen er­staunt es –  viel Werbung, gespickt mit Britney Spears und anderen Unmündig­keitsmachern. Es sind also einerseits die Medien, die durch die ökonomische Ori­entierung die Aufklärung vernachlässigen. Andererseits sind es die Bürger, die sich gerne leiten lassen, weil es – wie bereits erwähnt – so bequem ist, unmündig zu sein. Den schwarzen Peter nun den Medien zuzuschieben, wäre nicht nur
un­gerecht, sondern auch falsch. Würden sich die Inhalte von «20 Minuten» und Co. von heute auf morgen dem Inhalt einer Qualitätszeitung («Tages-Anzeiger», «NZZ») angleichen, so würden die Zeitungsboxen kaum schon um acht Uhr mor­gens leer sein. Die Bürger müssen die Aufklärung von sich aus wollen, es darf ihnen nicht aufgezwängt werden. Der Philosoph Herbert Schnädelbach formuliert diese Problematik wie folgt: «Man kann nicht einfach aufklären, sondern man muss sich aufklären; alles Übrige wäre bloss Indoktrination, Agitation, Propa­ganda.»

Das Tempo drosseln
Besteht für die Aufklärung keine Chance mehr? Wird sie in der Versenkung der Geschichtsbücher verschwinden? Nein, denn es gibt noch Möglichkeiten, der (drohenden) Unmündigkeit der Bürger entgegenzuhalten. Wie bereits angetönt, muss der Journalismus den Spagat zwischen Ökonomie und Aufkläreranspruch schaffen. Christoph Müller, ein erfahrener Journalist, plädiert für eine «Kur der Entschleunigung» im Journalismus. Sein Rezept ist  – mit Einschränkungen – auch auf Gratiszeitungen anwendbar. Er wünscht sich, dass der Journalist wieder genauer wird, indem er korrekte Analysen und Verlässlichkeit bietet. Weiter soll er sich mehr Zeit nehmen, um zu produzieren. Dies bedeutet, dass er kommunizie­ren, reflektieren und gute Artikel verfassen soll. Müllers dritter Vorschlag ist, dass der Journalist besser erzählen soll. Die Bürger brauchen Geschichten, wenn sie verstehen wollen, was ihnen der Journalist vermitteln will. Mit Geschichten sind nicht unbedingt Märchen gemeint, sondern Geschichtenmuster, die in überzeu­gender Form unterhaltsam, relevant und mit persönlicher Glaubwürdigkeit be­richten. Vor allem aber sollen sie für die Rezipienten nachvollziehbar sein. Für die Gratiszeitungen bedeutet dies, sich auf wenige, dafür relevante Informationen zu konzentrieren und diese für die Leserschaft attraktiv aufzubereiten. Aufklärung im grossen Stil können sie auch so nicht machen, aber zur Aufklärung beitragen, das können sie allemal.

Anmerkung: Dieser Essay ist im Rahmen des Deutsch 3 Moduls an der ZHAW entstanden. Als solches ist es als Versuch zu sehen, ein Essay zu schreiben. Es besteht kein Anspruch auf Richtigkeit oder Vollständigkeit.
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